• Axel Moehrle

LOST PLACES

Aktualisiert: Mai 17

Lost places, Decay, Urbex oder auch Urban Exploration. Mittlerweile gibt es eine Fülle von Begriffen und eine komplette Szene von Fotografen rund um die verlassenen Orte. Was vor 10 Jahren eine Spezialität von wenigen war, die als Sonderlinge belächelt wurden, hat einen riesigen Umfang angenommen und ist mit "Klassikern" wie den Beelitz-Heilstätten bei Berlin oder dem Teufelsberg, der Abhörstation im Westen Berlins auch in Film, Musikvideo, Streetart-Festivals und anderen Events angekommen.





Was macht die Faszination der Lost Places aus? Für mich sind es zwei Haupt-Motive, die mich immer wieder nach dem Reiz von außen vermeintlich schäbiger alter Gebäude suchen lassen, die innen manchmal noch Schätze von Wandbemalungen oder auch - seltener Glücksfall - komplette Inneneinrichtungen tragen:

Es ist zum einen die Fassungslosigkeit darüber, warum es überhaupt in unserer vollen, durchorganisierten, auf Effizienz getrimmten Welt noch eine komplette Parallelwelt geben kann:



Warum hat eine Villa, die im ländlichen Raum Italiens schon aus einem Kilometer Entfernung zu sehen ist (weil sie nämlich 40 Zimmer und 4 Stockwerke hat) nicht längst wieder einen Besitzer oder Nutzer gefunden? Welche Geschichte und welche Schicksalswendungen haben überhaupt dazu geführt, dass das Gebäude eines Superreichen, der doch eine weitverzweigte Familie haben muss, nunmehr seit Jahrzehnten verlassen ist? Die Geschichten hinter solchen Gebäuden sind meist nur schwer zu ermitteln. Selten stößt man auf einen freundlich gesinnten älteren Nachbarn, der noch aus der Vergangenheit zu erzählen bereit ist, als das Gebäude noch genutzt wurde und bewohnt war.



Zum anderen ist es im Moment des Betretens aber auch das Wissen, dass hier unsere überbehütete Welt, in der Sicherheit alles ist und wir den Bausparvertrag mit 20 und die Zahnzusatzversicherung mit 22 abschließen, endet und der Bereich der eigenen Verantwortung beginnt:



Als ob Dir der Bau "Nur für Erwachsene" zuruft, führt der Zugang vielleicht über ein Fenster mit gezackten Glassplittern, oder über einen Korridor, dessen Dielenböden sich schon verdächtig durchbiegen. Durch Löcher im Dach hat hereintropfendes Wasser schon den Boden des nächsten Stockwerkes darunter aufgelöst. Ganze Wände werfen ihren Putz in großen Schollen in die Mitte des Raumes. Ich steige die Treppe hoch, bis die letzten Stufen aus der Wand ragen und die nackten Dachbalken den Himmel durchscheinen lassen. Jetzt kein falscher Tritt...





Zuhause wird die fotografische Ausbeute begutachtet, denn: "Nimm nichts mit außer Fotos, lass nichts da außer Fußabdrücken!" Zahlreiche Lost Places sind über viele Jahre mit so viel Respekt behandelt worden, dass auch nach Jahren noch Fotografen ihr Reich entdecken konnten.


Haben die Bilder die Atmosphäre des Ortes wiedergegeben? Und: Sind sie in der Lage, Euch den Zauber des verwunschenen Ortes mitzuteilen? Die Bearbeitung der im Halbdunkel entstandenen Bilder gibt dem Ort dann seine einstige Würde und Pracht zurück: Ja, die Farben sind intensiver als vor Ort - aber es ist die eigene Wahrheit der Urbex-Fotografie, dass diese Pracht mal Wirklichkeit war, als noch Leben in den Orten steckte.







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